In allen Geschichtsbüchern heißt es, dass sie das schönste Geschöpf der Erde ist.
Die Erschaffung von Amara war für ihren Schöpfer ein Kraftakt, eine Anstrengung sondergleichen. Niemals zuvor hat jemand mit seiner Schönheit und seiner Grazie so begeistert wie Amara. Man munkelt sie sei nicht Gottes Schöpfung, sondern ein Artefakt, in dem Natürlichkeit überragend gelungen ist. Wenn sie das Haus verlässt, jeden Tag zur gleichen Uhrzeit, warten ihre Nachbarn an den Fenstern um einen Blick auf sie erhaschen zu können. Einige stehen bereits vor Sonnenaufgang auf um sicher zu gehen, dass sie ihren Auftritt nicht verpassen.
Mit ihren Turmalinquarzen strahlt sie aus der weitesten Ferne und es scheint als würde sie durch sie die Welt klarer, deutlicher und detailreicher sehen als andere Menschen.
Die Turmalinquarze sind eingebettet in große Katzenaugenlider, umrandet durch tiefdunkle, seidig-glänzende Wimpern, die so dicht bei einander liegen, dass sie einen Lidstrich à la Loren abzeichnen, nur auf natürliche Weise. Jeder Augenaufschlag zeugt von der Schwere der Wimpern, als würden Amaras Augenlider nur mit großer Kraftaufwendung die Last der Wimpern tragen können. Mit ihren Augen wirft sie der Welt verstohlen einen treuherzigen Rehblick zu, der in Verbindung mit der abgesenkten Kopfposition jeden, ob jung oder alt, in seinen Bann zieht und entweder als überirdische Verführungskunst oder aber als kindliche Unschuldsmimik heiß diskutiert wird. Ihre als perfekt geltende symmetrische Gesichtsform nimmt vom Haarrand an der Stirn einen ovalen Verlauf, entlang der feinen und doch stark ausgeprägten Wangenknochen bis hin zum harmonisch abgerundeten Kinn, das an einen Punkt eines ausdruckstarken Ausrufezeichens erinnert, der mit einem feinschreibenden aber fest aufgedrückten Füller gesetzt wurde.
Ihr Haarschopf wirkt leicht wie eine Feder, trotz der Unmenge an Haaren, die sie auf dem Kopf trägt. Diese Haarpracht würde mindestens drei Köpfe mit einer normalen Menge an Haaren versorgen. Der Ansatz erhebt sich in die Höhe wie junge Pflanzen, die die Sonne hingebungsvoll anbeten. Amaras Haarkleid fällt bis über die Hüfte in schwungvollen und wilden Wellen, die selbst bei Stillstand ihres Körpers eine endlose Bewegung in sich tragen. Diese endlose Bewegung in ihren Haaren übt eine hypnotisierende Wirkung auf ihre Opfer aus, ähnlich wie man es vom Federkleid eines Pfaus kennt. In der Haarfarbe kristallisiert sich die Verschmelzung von zahlreichen Obsidianen, deren außergewöhnlichen Asterismus nur das Sonnenlicht hervorbringt und zur Verblendung führen kann.
Amaras wohlgeformter Körper lässt Frauen und Männer gleichermaßen den Verstand verlieren. Jawohl, beide Geschlechter. Denn die bemerkenswerte Tatsache dabei ist, dass andere Frauen nicht mit Neid oder Missgunst reagieren, sondern vielmehr eine friedlich-neutrale Faszination empfinden. Es ist nicht von Nöten ihren Körperbau genau zu präzisieren. Es genügt zu erwähnen, dass altgriechische Skulpturenbauer aus dem Jenseits ihr Bedauern mitteilen, dass sie zu Lebzeiten dieses Ideal nicht als Vorlage hatten, denn nur bei Amara handele es sich um die vollkommene Makellosigkeit des menschlichen Körpers und das obwohl niemand genau weiß, wie alt Amara ist. Etwas zwischen 19 und 63 Jahren.
Amara Gemma ist grenzenloser Luxus – der “Pink Star”, ein rosafarbener Diamant von 56,9 Karat, der teuerste Edelstein der Geschichte – in menschlicher Gestalt.
Doch der Schein des Glanzes trügt, denn Amara ist nicht fähig ihre eigene Schönheit zu begreifen. Alle Spiegel, die in ihrem Besitz sind oder selbst die, die sie lediglich in die Hand nimmt, bilden einen milchigen Schleier, der nichts erkennen lässt. Höhere Mächte veranlassen Fensterscheiben dazu das Bildnis von Amara auf bösartige Weise zu verzerren, so, dass Amara sogar menschliche Formen verliert. Sie wirft nicht einmal mehr einen Blick in die genannten Gegenstände, wenn es jedoch zufällig geschieht verspürt sie einen stechenden Schmerz im Kopf, woraufhin sie von extremer Abgeschlagenheit übermannt wird.
Wenn Amara einer älteren, augenscheinlich aber sehr gepflegten, hochwertig gekleideten und sich dessen bewussten Dame begegnet, beginnt augenblicklich ihre Nase an zu jucken, was der Vorbote eines entsetzlichen Niesreizes ist. In öffentlichen Plätzen, wo sich eine Vielzahl an Menschen aufhält und dementsprechend auch manchmal schöne Personen zu sehen sind, reibt sie sich ständig ihre Augen, denn das Brennen und Kribbeln in den Augen ist unerträglich.
Früher arbeitete Amara als Model bei unzähligen Agenturen, war ein gefragtes Fotomodel. Für den Laufsteg wurde sie als Verschwendung angesehen, denn um “catwalk-konform” sein zu können, müsste sie ihre besondere Ausstrahlung ablegen und sich eine langweilige, gewöhnliche, aber mainstream-gerechte Präsenz aneignen und das wäre ein nahezu blasphemisches Handeln. Während ihrer Arbeitszeit stand sie vor der Kamera und sollte nichts weiter tun als sie selbst sein. Doch beim Anblick des vollen, schönen Dekolletés der Fotografin, der langen, schmalen und zierlichen Hände der Stylistin oder des vollen Kussmundes eines anderen Models verstärkte sich Amaras Symptomatik während der Fotoshootings so sehr, dass sie all ihre Verträge verlor. Es bildeten sich rote Flecken auf ihrer Haut ab, ihre Schleimhäute fingen an anzuschwellen und der Fließschnupfen war so elendig, dass sie nicht in der Lage war ohne Taschentuch dazusitzen. Sie sieht durchschnittliche Schönheit als einzig-wahre Schönheit an, denn sie kennt ihre eigene Formvollendung nicht.
Nur ein einziges Mal schaute Amara im Fernseher den Auftritt der schön-gemachten Prominenten auf dem Roten Teppich während einer der Oscarverleihungen, denn es endete für sie in einer lebensbedrohlichen Situation – je mehr der “Schönen und Reichen” zu sehen waren umso mehr verengten sich ihre Bronchien und sie erlitt schlussendlich einen schweren Asthmaanafall, der nur glimpflich ausging. Der behandelnde Arzt opferte viel Zeit und Mühe in die Recherche und die daraus resultierende Diagnose und kam zu dem Entschluss, dass es sich um eine noch recht unbekannte, bei Amara allerdings sehr stark ausgeprägte, Krankheit handeln muss, in der er aber das Potenzial sähe, dass sie zu einer zukünftigen Volkskrankheit oder sogar zur Epidemie werden könnte. Er nannte diese Krankheit in der Fachsprache “allergische Formositas-Rhinokonjunktivitis” . Für die Verwendung in der Alltagssprache wählte man den vereinfachten Begriff und gleichzeitig Amaras Geburtsnamen – Bellallergie.