Eine Schwere liegt in der Luft, wenn sich der Seelenalte im Raum befindet. Allein´ seine Präsenz, die im Grunde genommen unauffällig ist, liegt einem jedem schwer auf den Schultern. Diese Schwere erschwert den Anwesenden aber nicht das Leben und weckt kein Gefühl des Unbehagens. Diese Schwere, die der Seelenalte ausstrahlt, umhüllt jeden Menschen mit dem warmen Gefühl der Geborgenheit. Als würden einen die starken und breiten Arme des Vaters kräftig umschlingen und der ausgeübte Druck der Arme zur wahren Beruhigung führen.
Der Seelenalte ist da und doch nicht da. Er fällt nicht auf durch das gezielte Wecken von Aufmerksamkeit, denn er spricht nicht, ohne zuerst angesprochen zu werden.
Das macht der Seelenalte aber nicht aus Arroganz oder Schüchternheit, sondern aus unbewusster Angewohnheit, die dadurch entstand, dass er so oder so immer angesprochen wurde und wird. Zwar scheuen sich die Menschen den Seelenalten anzusprechen, denn der Respekt ihm gegenüber grenzt schon fast an Schrecken, aber die Neugier des Menschen gepaart mit der außergewöhnlichen Anziehungskraft des Seelenalten überwindet sogar die größte Furcht. Der Seelenalte kann immer einschätzen vom wem er mit einer Frage und von wem er mit einer Aussage oder sogar einem Ausruf angesprochen wird.
Hier ist anzumerken, dass die von der Gesellschaft stereotypisierten “Feigen” dem Seelenalten Fragen stellen und zwar Fragen, die ihn persönlich betreffen. Die eigentlich “Mutigen” hingegen trauen sich das nicht. Sie reden um den heißen Brei herum, sei es über das Wetter oder über ihren offenen Schnürsenkel. Über alles, nur nicht über sich selbst und erst recht nicht über etwas, das den Seelenalten betreffen könnte. Sie befürchten nämlich einen Tiefgang, welcher während des Gespräches mit dem Seelenalten entstehen könnte, dem sie nicht Stand halten könnten, der sie, für ewig, zutiefst erschüttern würde, der sie von ihrer gewohnten und tiefverwurzelten Oberflächlichkeit in die unbekannte Dimension der Gedankenfülle reißen und nicht wieder loslassen würde.
Der Mutige würde das nicht ertragen und daran zerbrechen.
In den sogenannten “feigen” Geschöpfen löst der Seelenalte eine Kraft aus, die ihnen selbst zuvor nicht bekannt gewesen ist. Vor allem die Schüchternen, die vom schweren Schicksal Getroffenen, die Verletzten und die Schwachen fühlen sich angezogen und können dieser Kraft nicht widerstehen. Das wollen sie auch nicht, da ihre Intuition ihnen verspricht etwas Gutes zu erfahren. So sprechen sie den Seelenalten mit leiser Stimme aber deutlicher Diktion an und stellen ihm Fragen, die keinesfalls den Alltag oder sonstige Banalitäten betreffen.
Der Seelenalte ignoriert kein Wesen und schenkt allen die entsprechende Aufmerksamkeit.
Er sät jedem mit seinen Worten Toleranz und Akzeptanz ein, pflanzt in die Köpfe seiner Zuhörer Ratschläge, die scheinbar auf tiefgreifenden, uralten Erfahrungen basieren.
Nur die Erinnerung an den Seelenalten, die für immer glasklar bleibt, lässt das Saatgut und die Bepflanzung glänzend und prachtvoll gedeihen und gibt den betroffenen Personen ein Stück innere Sicherheit und Ruhe.
Nicht nur der Inhalt der Worte des Seelenalten bleiben in Erinnerung sondern auch sein Äußeres.
Im Gegensatz zu seiner reifen, tiefgründigen, vernarbt wirkenden Seele, die seine langsame, ruhige, nahezu mollähnliche Stimme und sein selten verwendetes, wohlüberlegtes Vokabular preisgibt, steht sein erfrischend-leichtes und freundliches Aussehen. Er ist klein und schlank, hat weiche, warme Hände. Seine Hautfarbe zeugt von körperlicher Gesundheit, denn sie ist rosig angehaucht. Allgemein hat der Seelenalte eine glatte, straffe Haut, völlig makellos. Wie ein fehlerfrei gekochter Erdbeer-Pudding. Die Gesichtsform hat etwas vom Pfannkuchen – rundlich und zum Betrachten verlockend.
Die Augen des Seelenalten sind sehr groß und symmetrisch. Sie sind pechschwarz, so dunkel, dass die Pupille nicht erkennbar und somit seine Gefühlslage für niemanden lesbar ist.
Es scheint als würden seine Augen in der Unendlichkeit des Universums münden. Was sich in und hinter diesen Augen verbirgt weiß nur der Seelenalte selbst. Nur denkt er selbst nicht viel darüber nach, denn er ist immer damit beschäftigt sein Umfeld zu erforschen.
Mit seinen weitgeöffneten Augen betrachtet er seine Umwelt präzise, ohne dass sich jemand von ihm beobachtet fühlt. Er fängt jeden Wimpernschlag, jede Bewegung, jedes Zucken und jeden Atemzug mit seinen Blicken auf und bildet anhand dessen das Konstrukt eines Charakters. Das mag oberflächlich klingen, jedoch geht der Seelenalte sehr vorsichtig dabei vor und die Erfahrung hat gezeigt, dass er sich auf seine Einschätzung des Charakters verlassen kann und somit auch weiß, wie er mit seinem Gegenüber umzugehen hat.
Der Seelenalte wird immer gut angezogen. Die Farbpalette seiner Kleidung ist grenzenlos und fröhlich, die Farben sind immer perfekt aufeinander abgestimmt und harmonisieren miteinander. Dies könnte wieder als Oberflächlichkeit gelten, allerdings wird damit nur das breite und ungreifbare Spektrum seiner Seele unterstrichen, bewusst oder unbewusst.
Nie ist der Seelenalte schmutzig nach Hause gekommen. Nie muss mit ihm geschimpft werden, dass er doch etwas vorsichtiger sein solle beim Mittagessen.
Seine Kleidung wird im Grunde nur deshalb gewaschen um ihr Frische zu verleihen und nicht um sie zu reinigen, denn zu reinigen gibt es nichts. Genauso wie seine Seele.
Denn wie kann die Seele eines Kindergartengängers befleckt oder unrein sein? Wie?
Dem Seelenalten scheinen die Lebenserfahrungen seiner Ahnen und Urahnen in die Wiege gelegt worden sein und das in besonderer Form, denn sein Inneres ist erfüllt mit gelebten Leben, welche von Sünden befreit zu sein scheinen.
Es ist eine Mischung aus kindlichem, frischem, makellosen und unberührten Äußeren und der Ausstrahlung, die die Last der letzten Jahrzehnte in sich trägt, die ihr Schwere, Autorität und Stärke verleiht. Das ist der kleine, große Giovane Alois del Vecchio.