Mittelgroß, schlank und fest ist sie, die Formfruchtige. Manche sagen, sie sei sehr groß.
Vielleicht so gewachsen wie eine sehr große Banane, die sich nicht in Richtung Sonne streckt, um ihre bekannte Form anzunehmen. Nein, stattdessen wie eine Banane, die gen Boden wächst, um mit der Stereotypisierung zu brechen. Genauso. Eine lange, gerade und somit untypische Banane ist die Formfruchtige.
Andere wiederum meinen sie sei so klein, dass man sie nahezu übersehen kann. So klein, so klitzeklein, wie eine Johannisbeere, die vom Strauch abgefallen ist und einsam auf dem harten, erdigen Boden liegt. Das ist ebenfalls die Formfruchtige.
Es kommt ganz darauf an zu welcher Jahreszeit man der Formfruchtigen begegnet.
Im Hochsommer strahlt sie in voller Pracht einer Johannisbeere und weckt in vielen den Beschützerinstinkt. In der Winterzeit, der Zeit der eisigen Stürme, passt sich ihre Laune ganz der Naturphänomen an. Wenn in der Formfruchtigen also ihre kalte, unberechenbare und rebellische Stimmung aufkommt, ist sie nichts anderes als die gerade, lange Banane, die es ja eigentlich gar nicht gibt, die niemand haben will, weil sie so untypisch ist.
Sie ist eine brünette Schönheit. Trotz dessen, dass ihre Haare kurzgeschoren sind gilt sie als Schönheit. Jedenfalls unter den Meisten. Man könnte meinen ihre Haare und ihre Kopfhaut ist mit der Außenschale einer Kokosnuss verwandt. Die Parallelen sind erstaunlich.
Die Augen der Formfruchtigen sind ganz besonders. Sie sind riesig aber auch mandelförmig, so nennt man das. Ihre Augäpfel tragen eine tiefgrüne Iris mit sich, die das Muster, eins zu eins, einer Kiwi hat. Betrachtet man nur die Iris und die Pupille der Formfruchtigen so könnte man zu einem Löffel greifen wollen, um das Fruchtfleisch der Kiwi aus der behaarten Schale zu entnehmen. Dabei kann sogar die Tatsache in Vergessenheit geraten, dass die Pupille schwarz ist, so wie es sich auch gehört bei einem Lebewesen. Da die Farbstruktur und die Muster ihrer Iris aber so identisch mit der Farbe des Fruchtfleisches einer Kiwi sind, übersieht man gerne die Schwarzfärbung der Pupille. Die feinen Härchen der Kiwischale das sind in Wirklichkeit die Wimpern der Formfruchtigen. Fein, kurz, sehr dicht und gleichmäßig. Jeglicher Widerspruch dieser Feststellung wäre lächerlich.
Ach und wie außergewöhnlich doch ihr Teint ist! Ihr ebenmäßiges Hautbild umhüllt eine zarte Hautschicht, die die Eigenschaften einer gereiften Aprikose besitzt. Ihre nicht allzu hohen Wangenknochen sind die von der Sonne geküssten Stellen der Frucht, etwas dunkler als der Rest des Gesichtes. Der delikate Flaum der Aprikose ist auf dem Gesicht der Formfruchtigen wiederzufinden und verführt ungemein dazu ihn anzufassen und sanft drüber zu streichen. Denn viele Menschen, nahezu alle, die der Formfruchtigen begegnet sind und in ihre Nähe kamen, verspürten den automatischen Drang dazu ihr Gesicht in ihre Hände zu nehmen, um die Besonderheit sondergleichen nicht nur zu sehen, sondern auch spüren zu können.
Mit dem Berühren des Gesichtes fühlt jedoch der Berührende schlagartig unzählige Stiche in seinen Händen, wie bei einem ungeschickten und naiven Versuch eine Kaktusfeige zu schälen, mit der Absicht diese zu verzehren. Welch´ Torheit! Als wäre es nicht bekannt, dass Mutter Natur sämtliche Schönheit mit besonderem Schutzmechanismus ausstattet.
Eine falsche Berührung des Gesichtes der Formfruchtigen, selbst die zarteste, aber ungeschickteste, würde schwerwiegende Folgen mit sich tragen. Schließlich muss sich der Mensch insbesondere beim Pflücken von Himbeeren auch geschickt und mit ausreichend Feingefühl anstellen, um die Frucht in ihrer vollen Pracht betrachten und genießen zu können. Das Gleiche gilt für den Umgang mit der Formfruchtigen. Doch so viel von der Zartheit und Zerbrechlichkeit der Formfruchtigen auch gesprochen werden mag. Es gibt da etwas in ihrem Gesicht, das dieses Bild auf einen Schlag vollkommen zerbrechen kann.
Die Nase.
Grundgütiger, was hast Du Dir nur dabei gedacht der Formfruchtigen eine derartige Gurke zu verpassen? Pah! Wenn es tatsächlich eine Gurke wäre, dann wäre das Ganze nur halb so schlimm. Aber es hat die Arme viel schlimmer getroffen.
Beginnend zwischen den vollen, harmonisch verlaufenden, bogenförmigen Augenbrauen wölbt sich der erste unförmige Hügel, gefolgt von weiteren dreien. Vier Hügel also. Ganze vier. Jeder anders, keiner gleicht dem anderen. Knollenartig und uneben sind diese Erhebungen, die die Nase der Formfruchtigen bilden. Man könnte der festen Überzeugung sein, dass es sich in Wirklichkeit gar nicht um eine Nase handelt, denn mit dieser hat sie recht wenig gemeinsam, außer die natürliche und übliche Platzierung im Gesicht eines Menschen. Die angebliche Nase der Formfruchtigen erinnert an einen Ingwer, der sich im Gesicht des Menschen verlaufen hat. Ob die Innenwelt der Nase nun auch so faserig ist wie das Fruchtfleisch des Ingwers bleibt ein ewiges Geheimnis der Formfruchtigen.
Diese offensichtliche Bösartigkeit von Mutter Natur, die sich in der Nase der Formfruchtigen widerspiegelt, ändert aber nichts an der Ausstrahlung der genannten Dame, denn ihr Anblick ist trotzdem sehr erfrischend. Es bereitet jedem Menschen Freude sie zu betrachten, egal ob groß oder klein, Mann oder Frau, Mensch oder Tier. Alleine ihre Anwesenheit wirkt gesundheitsfördernd und belebend. Ihren Charakter jedoch ist niemand im Stande genau zu beschreiben. Ob die Formfruchtige nun zuckersüß ist oder aber auch richtig sauer werden kann und in Rage geraten kann – das weiß keiner.
Und auch hier bleibt das Innenleben der Formfruchtigen, diesmal ihre Seele, ein ewiges Geheimnis.