Die Gräberin

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Wenn die Gräberin einen freien Tag hat, von ihrem Job, der ihr die Luft aus den Lungen presst und ihre Seele mit giftigen Dämpfen, bestehend aus Missgunst und Verachtung verwüstet, wenn sie nun also einen freien Tag hat, erwacht sie morgens mit einem Lächeln. Der Tag gehört ihr und dem stillen Vergnügen das sie aus dem Bett treibt. Nie ist sie so schnell ausgehfertig wie an diesen Tagen. Sie zieht die Wohnungstür hinter sich zu und ihr fällt schmunzelnd auf das sie die Treppe hinunterhüpft als wäre sie ein übermutiges Schulmädchen mit Zöpfen und Zahnspange.

Eine Busfahrt später steht sie davor. Das schmiedeeiserne Tor wirft einen Schatten auf ihr Gesicht. Einen Moment betrachtet sie die Verzierungen, das Efeu das um den Aufstieg kämpft und die rostigen Stellen, bevor sie die quietschenden Flügel aufschiebt und die Welt hinter sich lässt. Jedes Mal aufs Neue fühlt sie sich wie Alice die in den Hasenbau fällt. In der Sekunde in der sie den Schritt über die Schwelle gesetzt hat, überfällt sie eine gnadenvolle Ruhe. Kein Chef mit unmöglichen Anforderungen, keine Kollegen die unentwegt schnattern und meckern. Dieser erste Moment des Friedens erfüllt sie so sehr das ihr Schritt leichter, ihre Augen leuchtender werden und ihre Gesichtszüge sich entspannen. Leise lächelnd schlendert sie umher, betrachtet wohlwollend ausufernde Bäume und lauscht den Gesprächen der Vogel.

Es ist nie das erste Grab, das ihr ins Auge fällt an dem sie verweilt. Die Grabsteine und Blumenkränze ziehen an ihr vorbei. Und dann kommt da dieser Moment, so stellt sich die Gräberin Liebe auf den ersten Blick vor, und sie hat ihn gefunden, ihren Gefährten für die nächsten Stunden.

Lange lässt sie das Grab auf sich in seiner Gesamtheit wirken, bis sie die Details registriert: Ist es gepflegt oder verwahrlost, üppig bepflanzt oder eher praktisch angelegt, wie ist die Form und Beschaffenheit des Grabsteins, ist ein Bibelvers eingraviert oder ein liebevoller Gedanke, dann die Daten und ganz zuletzt der Name.  Zu diesem Zeitpunkt ist in ihrem Kopf schon eine komplette Welt entstanden. Fast kann sie das Shampoo des Verstorbenen riechen, das Staunen bei der Geburt des ersten Kindes spüren und den Schmerz erleiden  beim Verlust der großen Liebe. Ihr ganzes Sein öffnet sich dem Wunder dieses fremden, erfundenen und in seiner Ganzheit wunderschönen Lebens. Dort gibt es keine Ungewissheiten und keine Ängste vor der Zukunft. Die Zukunft ist längst Vergangenheit und für sie wird die Vergangenheit zur Gegenwart.

Verträumt verlässt die Gräberin den Friedhof und eine Busfahrt später ist sie wieder in ihrer Wohnung und schläft selig ein.