Haben Sie den „Ohrenzeugen“ von Canetti schon gelesen? Wenn nicht, lesen Sie als Allererstes die Erzählungen auf unserer Seite!

Wie kann man nun anfangen, eigene Charaktere zu entwickeln? Fragen wir doch am besten den Meister selbst!

„Über einen einzelnen Menschen, wie er wirklich ist, ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Auch damit wäre er nicht erschöpft, und man käme mit ihm nie zu Ende. Geht man aber dem nach, wie man über einen Menschen denkt, wie man ihn heraufbeschwört, wie man ihn im Gedächtnis behält, so kommt man auf ein viel einfacheres Bild: es sind einige wenige Eigenschaften, durch die er auffällt und sich besonders von anderen unterscheidet. Diese Eigenschaften übertreibt man sich auf Kosten der übrigen und sobald man sie einmal beim Namen genannt hat, spielen sie in der Erinnerung an ihn eine entscheidende Rolle. Sie sind, was sich einem am tiefsten eingeprägt hat, sie sind der Charakter.

Jeder trägt eine Anzahl von Charakteren in sich, sie machen seinen Erfahrungsschatz aus und bestimmen das für ihn resultierende Bild der Menschheit. Allzuviel solche Typen gibt es nicht, sie werden weitergegeben und vererben sich von einer Generation zur anderen. Mit der Zeit verlieren sie ihre Schärfe und werden zu Gemeinplätzen. Ein Geizhals, sagt man, ein Dummkopf, ein Narr, ein Neidhammel. Es wäre nützlich, neue Charaktere zu erfinden, die noch nicht verbraucht sind und einem die Augen für sie wieder öffnen. Die Neigung, Menschen in ihrer Verschiedenartigkeit zu sehen, ist eine elementare und soll genährt werden. Sie soll sich nicht dadurch entmutigen lassen, daß zu einem kompletten Menschen viel mehr gehört, als in einen solchen Charakter hineingeht. Man wünscht sich Menschen sehr verschiedenartig, man würde sie nicht gleich haben wollen, selbst wenn sie’s wären.“  (Elias Canetti. Aufzeichnung aus dem Jahre 1974, aus Das Geheimherz der Uhr)

1. „Beim Namen nennen“

Nun schauen wir uns das Inhaltsverzeichnis genauer an. Fällt Ihnen etwas auf? Ja, das sind meistens sehr eigenartige Charakterbezeichnungen. Schon das Wort „Ohrenzeuge“, das der Erzählsammlung den Titel verleiht, steht zwar im Duden, wird aber nun wirklich nicht sehr oft benutzt. Und die meisten anderen Charakterbezeichnungen finden Sie dort gar nicht. Warum ist es wohl so? Wahrscheinlich weil die „normalen“ Wörter oft nicht ausreichen, um einen Menschen zu beschreiben. Und als Autor hat man nun die Freiheit, Wörter (und in unserem Fall auch Menschen) zu erfinden, wie man will! Außerdem werden die Leser ja umso gespannter, wenn es sich um ein ungewöhnliches Wort handelt.

Probieren Sie es doch selbst!

Zum Aufwärmen: Man nehme z.B. ein Substantiv und ein Verb und vereine sie nach Lust und Laune (in der Sprachwissenschaft nennt man das übrigens „Komposition“). Sie brauchen dann auch noch einen Suffix, z.B. -er(in) oder -de(r), je nachdem, ob es sich um eine Dame oder einen Herren handelt.

Film ergrauen
Wahnsinn machen
Stadt lieben
Hund hassen
Eis verderben

Dabei kommen z.B. raus: ein Eisverderber, ein Hundeliebender, eine Stadthasserin, ein Wahnsinnverderber, ein Stadtmacher, ein Filmergrauer und, und, und…

Was könnten das für Charaktere sein?

Mit einem „Hundeliebenden“ kann man schon Einiges anfangen. Versuchen wir das aber mit dem „Filmergrauer“!

Nun: Ein Filmergrauer – das kann z.B. ein Mitwirkender in einem Film sein, der die Filme immer grauenhaft verdirbt, er  hat sehr einflussreiche Freunde, die Filmproduzenten sind,  deswegen wirkt er ja auch mit, aber unter Kollegen ist er eben als „Filmergrauer“ bekannt; oder das kann auch ein Mensch sein, der im Kino bei einem Horrorfilm immer in einem hochspannenden Augenblick aufsteht und das Publikum erschreckt und auf diese Weise die Wirkung des Films verstärkt. Oder was meinen Sie, was ist das für einer?

Und ein Wahnsinnverderber? Das Naheliegende wäre etwa ein Psychiater, der seine Patienten schnell und wirksam heilt, die vielleicht nicht unbedingt geheilt werden möchten. Andere Ideen?

Es bleibt also dem Autor, sprich Ihnen, selbst überlassen, wie Sie Ihren Charakter nennen und wie Sie ihn beschreiben. Als Autor ist man eben allmächtig. Toll, nicht wahr!?

Dass man aus jedem Verb ein Substantiv machen kann, wissen Sie ja. Z.B. schreiben ⇒ ein/e Schreiber(in), lesen ⇒ ein/e Leser(in), trinken ⇒ ein/e Trinker(in) etc. oder auch lieben ⇒ ein/e Liebende(r), streiten ⇒ ein/e Streitende(r), wiegen ⇒ ein/e Wiegende(r). Aber was für eine Bedeutung würden diese Wörter bekommen, wenn man sie zu  Charaktereigenschaften macht und sie, wie Canetti es vorschlägt, soweit es nur möglich ist, übertreibt?

Probieren wir es mal mit der „Leserin“. Ein ganz gewöhnliches Wort scheinbar, aber versuchen wir es im Sinne von Canetti aufzuarbeiten. Was könnte das für eine Frau sein? In etwa so z.B.:

Eine Leserin glaubt nur dem geschriebenen Wort. Ein gesprochenes Wort ist eben nur Luft und kann leicht zurückgenommen werden. Früher hatte sie nur Brieffreunde, jetzt ist sie in den sozialen Netzwerken aktiv. Ihre Netzbekanntschaften würde sie aber nie treffen wollen, es würde ja sonst zu einem Plausch kommen, zu einem Wortabtausch, und die Wörter, die in der Luft sich auflösen und keine Spuren hinterlassen, kann sie nicht gebrauchen. Auf solche Wörter kann man sich auf gar keinen Fall verlassen. Die Leserin hat ihr Leben lang einen Verehrer, der ihr immer wieder seine Liebe gesteht, aber eben nur mündlich, deswegen klappt es auch nie mit den beiden. Hätte er ihr nur eine Karte oder eine E-Mail geschrieben, aber die gesprochenen Wörter haben halt keine Beständigkeit…

Oder wie stellen Sie sich „die Leserin“ vor?

Was zeigt uns das übrigens? Z.B., dass die Bedeutung eines Wortes durch den Gebrauchskontext bestimmt wird! Also jedes Wort kann unter verschiedenen Umständen etwas ganz anderes bedeuten. Denken Sie nur an den Charakter „Der Blinde“ von Elias Canetti. Haben Sie, nachdem Sie den Titel gelesen haben, gleich an einen Fotografen gedacht? Aber die Erzählung wirkte dann doch sehr überzeugend, nicht wahr?

Noch eine letzte Frage: Was ist eigentlich ein „Leerer“?

Einige meinen, das sei das genaue Gegenteil von einem „Lehrer“:  Der Lehrer stopft die Köpfe seiner Schüler voll mit allem möglichen Wissen (und ermüdet sie zuweilen), der „Leerer“ hingegen hilft ihnen dann, die Köpfe wieder frei zu bekommen (eine durchaus wichtige Aufgabe).

Andere meinen, ein „Leerer“ sei ein zurückhaltender, netter Mensch mittleren Alters, der in einem großen Bürohaus Papierkörbe leert. Niemand kann sich seinen Namen merken, deswegen wird er nur der „Leerer“ genannt.

Einen Charakter kann man also auf sehr unterschiedliche Art und Weise benennen. Der Phantasie  sind dabei keine Grenzen gesetzt. Probieren Sie das selbst aus!

Sie können hier sowohl eigene Charaktere entwickeln und dabei selbst die Texte ausformulieren als auch nur Charakterbezeichnungen vorschlagen und andere User dazu die Texte schreiben lassen!

2. Wie beschreibe ich nun meinen Charakter?

Natürlich entscheiden Sie als Autor alles selbst! Aber nicht vergessen: Übertreiben Sie! Denken Sie an die Eigenschaft, die Sie als zentral für Ihren Charakter bestimmt haben, und versuchen Sie, diese Eigenschaft z.B. durch die Antworten auf die folgenden Fragen zu veranschaulichen!

Wie sieht die Person aus?

Womit beschäftigt sie sich gewöhnlich, wie verlaufen ihre Tage?

Was mag sie/was mag sie nicht?

Welche Ängste hat sie?

Was ist für sie das Wichtigste im Leben?

Was denkt sie über ihre Mitmenschen und was denken ihre Mitmenschen über sie?

Und schauen Sie sich noch die  Beispieltexte an!